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Der Aufbau einer konzernweiten Kommunikationsplattform über die traditionelle E-Mail hinaus klingt anspruchsvoll. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen in dem Projekt?
Dr. Ralf Brunken: Ganz klar in der Pflicht, das Vorhaben als konzertierte Aktion zu bewältigen. Die technische Seite ist ja nur eine Facette des Projekts. Entscheidend sind die Inhalte. Hier kommen die Abteilungen Personal und Kommunikation sowie das Management ins Spiel.
Welche Rolle spielt denn die IT in dem Stück?
Dr. Ralf Brunken: Wir arbeiten in dem Projekt als eine Art integrierender Koordinator, aber das ist ohnehin unser Auftrag als IT. Dabei sorgen wir für die Standardisierung des Rahmenwerks, nicht der Inhalte. Ohne eine standardisierte Plattform ist ein Unternehmen nicht netzwerkfähig. Und damit sie diese Plattform sinnvoll nutzen können, werden die Fachabteilungen aktiv von der IT beraten.
Was ist Ihrer Erfahrung nach der Unterschied von Social Media zu „normalen” IT-Projekten?
Dr. Ralf Brunken: Aus der Perspektive der IT treffen wir bei der Social-Media-Plattform auf die klassischen Anforderungen: Wir führen Software mit Schnittstellen ein und müssen sicherstellen, dass alles funktioniert. Darüber hinaus sind Fragen zu den unstrukturierten Daten spannend – wie entwickelt sich das Volumen, und wie gewährleisten wir den Schutz sowie die Sicherheit? Letzteres wurde von allen beteiligten Abteilungen vorab diskutiert und entschieden.
Wie haben Sie denn intern für das Projekt geworben?
Dr. Ralf Brunken: Der Aufwand von 30 Mannjahren ist ja nicht gering. Viele Stellen im Konzern haben in den letzten Jahren erkannt, dass eine effektivere Kommunikation jenseits von Telefon und E-Mail notwendig und für ein innovatives Unternehmen unverzichtbar ist. Continental ist eine global verteilte Organisation mit regionalen Instanzen und geschäftlichen Einheiten. Durch Social Media können wir diese klassischen „Silos” miteinander verbinden und so eine echte Netzwerkorganisation schaffen, um damit den gemeinsamen Dialog zu fördern. Dieser kulturelle Wandel wird stark von unserem Top-Management getrieben, und auch das ist eine Grundvoraussetzung für den Erfolg. Insofern mussten wir nicht viel in Werbung investieren.
Wie rechnet sich denn Social Media, und wann lohnt sich das Projekt?
Dr. Ralf Brunken: Das ist typisches Business-Case-Denken – was ausgegeben wird, muss einen Nutzen haben. Social Media findet seinen Nutzen in erster Linie im Dialog, und genau diesen wollen wir innerhalb des Unternehmens stärker fördern. Nebenbei bemerkt: Wie rechnen Sie denn den Nutzen von E-Mail und Telefon im Jahr 2011? Niemand stellt das in Frage und versucht, den Wertbeitrag zu kalkulieren. Und ich bin sicher, dass Social Media über die Jahre genauso selbstverständlich wird.
Welche Einsatzszenarien haben Sie zum Start vorgesehen?
Dr. Ralf Brunken: Die schnellsten Erfolge erzielen Sie in der internen Kommunikation. Zudem können Mitarbeiter untereinander lernen, welche Regeln in sozialen Netzen gelten. Aber ich sehe mittelfristig durchaus auch Möglichkeiten für die externe Kommunikation mit unseren Kunden und mit Partnern, die wichtige Knoten im Continental-Netzwerk sind. Der Austausch von Projektinformationen und Daten beschleunigt sich durch Social Media, ebenso die Organisation der Zusammenarbeit. Das Potential für eine hohe Effizienzsteigerung in der Kommunikation lässt sich nicht leugnen.
Und darüber hinaus?
Dr. Ralf Brunken: Im Idealfall erhalten Sie indirekt Zugriff auf das nichtdokumentierte Wissen der Mitarbeiter, also einen riesigen Pool von Ressourcen. Wenn es uns gelingt, die „Gehirne” miteinander zu verbinden, ist der Vorteil enorm. Websites wie Wikipedia, auf denen Wissen gekoppelt wird, zeigen das jeden Tag.
Es wurde schon einmal vergeblich versucht, das Wissen der Mitarbeiter mit Hilfe der IT abzugreifen, zu strukturieren und zu dokumentieren.
Dr. Ralf Brunken: Das Wissens-Management ist, gemessen an den damaligen Zielen, nicht erfolgreich gewesen. Wikipedia war auch eine Antwort auf die Beschränkungen: Wissen wird nun extrahiert und dokumentiert, aber nicht durch einen strukturierten Vorgang, sondern selbstorganisiert und freiwillig. Motivation im Internet ist eine sehr persönliche Sache. Bei Mitarbeitern im Unternehmen ist das nicht anders. Die Motivation des Austauschs ist auch bei uns hoch.
Wo sehen Sie die Schattenseiten von Social Media?
Dr. Ralf Brunken: Man darf nicht alle Hoffnungen auf Social Media setzen und das Thema überbewerten, denn die Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg wird immer noch in einer soliden Projektarbeit gelegt. Und natürlich gibt es offensichtliche Risiken wie Datenverluste und die Kommunikation von Informationen, die besser nicht veröffentlicht worden wären. Selbst wenn die Mitarbeiter alle kritischen Situationen schnell verinnerlichen, muss sich ein Unternehmen auch bewusst darüber werden, dass die nötige Medienkompetenz niemandem in die Wiege gelegt wird. Vielleicht müssen wir diese Fähigkeiten künftig sogar in die Ausbildung integrieren.
Wie stark wird das Management die Rolle des Kontrolleurs in den kommenden Jahren ausüben?
Dr. Ralf Brunken: Social Media bietet viel Freiraum und erfordert ein hohes Maß an Selbstorganisation. Den kulturellen Wandel hin zu Social Media können Sie nicht von oben verordnen oder theoretisch lehren, sondern nur unterstützen. Unternehmen und Mitarbeiter haben noch viele kurze Lernzyklen vor sich, bis Social Media ähnlich selbstverständlich genutzt wird wie die E-Mail. Wir beobachten, reagieren und lernen – so wie beim Web seit rund 20 Jahren.
Herr Brunken, vielen Dank für das Gespräch.
Über Continental
Der internationale Automobilzulieferer Continental setzt auf Social Media am Arbeitsplatz. Statt jedoch Facebook und Twitter freizugeben, implementiert der Konzern eine interne Kommunikationsplattform. Sie soll rund 80.000 Mitarbeitern mit PC-Arbeitsplatz die Zusammenarbeit erleichtern – unter anderem über Wikis, Blogs, Chats und eigene Profilseiten. Das Projekt ist auf rund 2,5 Jahre angesetzt, der Aufwand beläuft sich auf 30 Mannjahre. Als technische Basis kommen Programme von IBM (Connec-tions, Sametime, Notes und Omnifind) sowie Microsofts SharePoint Foundations zum Einsatz. Neben der IT sind die Abteilungen Kommunikation, Human Resources und Corporate Quality in das Projekt eingebunden. Die Projektleitung hat Martina Girkens, CIO Corporate Functions bei Continental.
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